Verschwundene Steine beim Racetrack – Naturvandalismus USA

Last Survivor
Last Survivor
Racetrack – Last Survivor

Ich hatte ja an der ein oder anderen Stelle über die Nationalparks in den USA berichtet. Bis jetzt konnte ich insbesondere in Utah, Colorado und Arizona wirklich beeindruckende Naturschönheiten finden. Eine Auswahl von Bildern findet ihr neben dem Blog auch in meinem Instagram. Die letzten Tage im Death Valley NP waren für mich allerdings doch etwas ernüchternd. Insbesondere der Besuch bei den Racetracks – den wandernden Steinen. Aber dazu unten mehr… Wenn man sich die Statistiken und Besucherzahlen der Parks einmal genauer ansieht, stellt man fest, dass jene Zahlen die letzten Jahre sprunghaft angestiegen sind. Das es auf der einen Seite natürlich schön ist, wenn sich immer mehr Menschen auch für die Natur begeistern können, hat jene Entwicklung aber auch seine negative Seite.

So hat der Zion Nationalpark z.B. 2018 mehr al 4 Millionen Besucher verzeichnet. Ähnlich sieht es im Yellowstone weiter nördlich aus – die Beiden sind nämlich die beliebtesten überhaupt. Das sind dann im Durchschnitt grob 12000 Personen täglich. An dem Wochenende als ich in Zion war sollten es 80000 gewesen sein. Das ist schon eine Menge an Menschen. Wäre es nicht um die befestigten Wege zu den Attraktionen und die gute Organisation mit den nötigen Restriktionen, würde so mancher der Besucher wohl im Matsch versinken und weitaus mehr querfeldein Trampelpfade den manchmal durchaus fragilen Untergrund beschädigen. Ich finde die Ranger machen hier zusammen einen wirklich guten Job und andere Länder könnten von einem ähnlichen System durchaus profitieren. Damit meine ich den Schutz der Natur und nicht den kommerziellen Hintergedanken, der natürlich mit jedem weiteren Besucher umso verlockender wird. Wenn ich hier z.B. einmal an die Laguna Ruta in Boliven denke, welche über Jahre von unqualifizierten Tourveranstaltern abgefahren wurde oder dem Roraima Tepui in Venezuela (Auch dieser Artikel interessant) sind dort schon viele Schäden an der Flora und Fauna entstanden, die Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, benötigen für die Erholung.

Touristen Delicate Arch
Delicate Arch im Archers Nationalpark zum Sonnenuntergang

 

Nun gehöre ich ja auch zu den Menschen die gerne mal frei in die Natur wandert, mit Zelt, Schlafsack einem Kocher. Auch scheue ich mich nicht vor ausgiebigen Motorradwanderungen (Das Wort gibt es). Natürlich hinterlässt das auch Spuren, aber ich habe schon früh gelernt allen Müll, auch biologisch, oder sonstigen Abfall danach wieder mitzunehmen und außer etwas niedergedrückten Gras sollte am Ende nichts weiter zu sehen sein. Und ja – das betrifft auch die Toilette. Wer hier sein Wissen auffrischen will dem kann ich den Bestseller von Kathleen Meyer – How to shit in the Woods* – herzlich empfehlen. Tolles Buch – nachdem keine Fragen mehr offen sein sollten. Es ist eben immer ein Unterschied ob am Tag ein Wanderer einen Weg entlang läuft oder 1000. Manchmal fühle ich mich schon schlecht wegen der Fussabdrücke, insbesondere bei matschigem Untergrund. Ich habe auch schon wegen eines schlechten Gewissens Reifenspuren im Sand mit der Hand weggewischt, nach einer Nacht Abseits der Straße z.B, nur damit jener Track nicht mit der Zeit von anderen Reisenden ausgeweitet wird.

Und so sieht die Realität bei den Attraktionen dann eben oft auch so aus wie hier oben beim Delicate Arch. In den „schönen“ Fotografien versuche auch ich natürlich das Motiv auf die Naturschönheiten zu reduzieren. Ich kann euch aber sagen, dass jegliche Vorstellung von Einsamkeit oder Freiheit hier oft eine pure Illusion ist. Zumindest bei den Hauptattraktionen. Grundsätzlich findet man auch weitaus ruhigere Gegenden und das am besten wenn man etwas gegen den Strom schwimmt. D.h. – früh aufstehen, zur Nacht wandern oder schwerere Wanderwege und Schotterpisten suchen.

Sonnenuntergang Racetrack
Racetrack zum Sonnenuntergang
Fussspuren zum The Grandstand
Weg zum Racetrack
Weg zum Racetrack – Death Valley

 

Und jene Einsamkeit und Freiheit bringt mich nun zum Titel dieses Artikels. Ich war im Death Valley einen halben Tag bei unglaublichen Temperaturen extra den weiten Weg zu den Racetracks gefahren. Von den Steinen hatte ich im Vorfeld schon viele spektakuläre Bilder gesehen und mein Interesse an dem seltenen Naturphänomen war wirklich sehr groß. Ich hatte mir natürlich meine Vorstellungen gemacht, schon den Mondaufgang und den Lauf der Milchstraße studiert, um dann eben auch meinen eigenen Racetrack in eine Fotografie zu packen. Ich war im Umkreis von sicherlich 50 Kilometern alleine. Voller Vorfreude bin ich dann auf den ausgetrockneten See gelaufen und schon nach den ersten Metern folgte die erste Ernüchterung. Obwohl auf einem Schild groß geschrieben steht, dass man bei Feuchtigkeit nicht auf den See laufen soll, war gleich der Weg zu dem „The Grandstand““ mit hunderten Fussspuren übersät, die sicherlich einige Winter benötigen, um überhaupt wieder zu verschwinden. Nichts desto trotz laufe ich weiter auf dem See um die besagten Racetracks zu suchen.

Erst nach einer Stunde konnte ich auf der großen Fläche überhaupt einen Stein oder Felsen sehen. Alle Tracks im Zentrum hingegen, darunter auch die Größten, waren verlassen. Die Ranger im Besucher Zentrum hatten mich darauf schon hingewiesen, dass es am Ende aber doch so viele Tracks gab, bei denen der dazugehörige Stein einfach verschwunden ist, hatte ich nicht erwartet. In der Galerie unten ein paar Bilder – insgesamt habe ich knapp 30 solcher Spuren gefunden. Erst nach einem weiteren Kilometer konnte ich noch intakte Tracks finden, welche aber alle nicht mehr die großen Steine besaßen, wie ich sie von den vielen Fotos im Internet kenne. Nur diesen einen im einleitenden Foto konnte ich finden, dem ich dann den Namen „Last Survivor“ – „Letzter Überlebender“ gegeben habe. Ich hatte die ganze Nacht an dem Ort verbracht und nachdem der Mond wie erwartet hinterm Horizont verschwunden war, kam auch die Milchstraße heraus. Ein Foto davon habe ich allerdings nicht mehr gemacht. Die Stimmung war allgemein irgendwie am Ende und ich sah für mich keinen Grund mehr „Last Survivor“ noch besser zu inszenieren, wenn sein Umfeld doch auf so überzeugende weiße vom Vandalismus heimgesucht wurde.

 

Nach meinem Abschied wollte ich der Sache noch einmal genauer auf den Grund gehen und habe mich in einer Facebook Gruppe zum Thema Death Valley eingeklinkt. Nachdem ich einige Bilder gepostet hatte, war die erste Reaktion das direkte Löschen eben jener, mit folgendem Hinweis. „Der Sachverhalt der verschwundenen Steine ist den Besuchern von Death Valley bekannt und die Gruppe will hier nur die schöne Seite von dem Tal präsentieren.“ Punkt. Also ich fand das schon reichlich komisch, mir war der „Sachverhalt“ nämlich nicht bekannt und ich bin mir ziemlich sicher damit bin ich nicht ganz alleine. Last Survivor wurde aber den Anforderungen der Administratoren gerecht und in der anschließenden Diskussion ergaben sich ein paar interessante Punkte. Nach einer Behauptung eines anderen Mitglieds seien die verlorenen Tracks Ursache aufgrund von Kot von Eseln entstanden. Ok. An dieser Stelle sollte ich vielleicht kurz erklären wie die Racetracks überhaupt zustande kommen: Aufgrund eines besonderen Klimas bildet sich in unregelmäßigen abständen, Ranger meinten manchmal dauert es bis zu fünf Jahre, eine Eisschicht über der Erdkruste. Jene schließt die Steine ein und durch den Druck werden sie erstmal angehoben. Wenn das Eis wieder schmilzt und die Reibung überwunden ist, gleiten die Steine dann manchmal mehrere Meter weit und hinterlassen jene markante Spuren. Zurück zum Kot vom Esel. In Theorie werden eben jene auch eingeschlossen, erzeugen die Tracks, werden später aber durch die Sonne zersetzt und verschwinden somit. Gut, nun habe ich das nicht weiter verfolgt, ich frage mich auch wie Esel bei der Hitze dort überhaupt leben können, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas Kot die gleichen Spuren hinterlassen kann wie ein zentnerschwerer Felsen.

Das die Steine also entwendet wurden ist nicht wirklich weit hergeholt. Bleibt nur zu verstehen, wer hier draußen über solche Pisten fährt, nur um sich dann ein paar Steine in das Auto zu packen? Ich habe in Death Valley mehr als einmal Personen gesehen, die kleine Steine oder Sand in Plastiktüten gepackt hatten, um jene als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Das alleine ist mir schon zuviel und wird auch mit hohen Busgeldern geahndet. Aber eben solch einen großen Felsbrocken? Selbst bei Gewöhnlichen am Straßenrand sollte das unterlassen werden. Wenn man bedenk, dass einige Racetracks mehrere Jahre gebraucht haben für die Entstehung, liegt hier aber doch irgendwie ein besonderer Naturschatz verborgen. Ein anders Mitglied im Forum hatte die „Profifotografen“ beschuldigt und auch einige einleuchtende Beispiele aufgezeigt. Und bei dem Punkt, so traurig das auch ist, sehe ich durchaus einen plausiblen Zusammenhang. Wie könnte man seine eigene Kreation denn besser schützen, als einfach das Objekt nach der Aufnahme zu entfernen? So kann man Blumen ausreißen, Bäume zerbrechen und eben auch Steine einfach an einen anderen Ort bringen. Der Tenor auf den Post von John Cubit war durchaus groß. Ich hatte John gefragt ob ich seine Aussage zitieren darf.

 

 

Man kann darüber natürlich nur spekulieren und am Ende ist es mir auch egal wer die Natur beschädigt. Sowas gehört sich einfach nicht und für unsere Kinder sollte der Planet auch in mehreren Generationen seine Naturschätze offenbaren können. Mich stimmt es einfach nur traurig und sollte ich jemals einen dieser „Profis“ oder sonst jemanden treffen wird die Begegnung sicherlich nicht ohne ein Beweisfoto meinerseits, einer entsprechenden Diskussion und einer Anzeige vorüber gehen.

Wie immer wünsch ich euch alles Gute!

 

„Immer den Träumen hinterher“ – und haltet unseren Planeten sauber.

Euer Martin

 

Weitere Artikel zum Thema Nationalpark in den USA finden sich hier:

Abenteuer Grand Canyon – 46 Kilometer Wanderung bis ins Tal

White Rim Road – Motorradtour und Wanderung in Utah USA

Mit dem Motorrad in das Tal des Totes – Death Valley USA

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Zwei Monate in den USA und ich bin noch immer in dem Zirkel der Nationalparks "gefangen".…

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