Ankunft im Leben

Martin auf dem LKW

Martin auf dem LKW

Meine lieben Freunde von Freiheitenwelt! Einmal mehr muss ich diesen Artikel mit einer Entschuldigung beginnen. Es tut mir wirklich leid, dass ich die letzten Monate so wenig Zeit finde meine Homepage mit Artikeln zu füttern. Unglaublich wie schnell die Zeit verstreicht. Aber allen voran bin ich nun einmal auf Reise und für mich ist ein intensives, erlebnisreiches Leben außerhalb der virtuellen Welt noch immer das Wichtigste. Tja – und von jenem hat es hier in Brasilien jede Menge. Mehr als neun Monate bin ich nun im Land. So mancher mag sich mittlerweile wundern, ob ich nicht vielleicht gleich für immer hier bleiben will. Auswandern, Aus, Schluss – Deckel zu! Die Weltreise einfach an den Nagel hängen. Eine hübsche Brasilianerin könnte ich mir suchen. Ab und an erreichen mich Nachrichten und Kommentare mit eben diesem Inhalt. Das Land weiß zu begeistern. Ja ich denke hier könnte man sehr gut leben. Einige meiner brasilianischen Freunde würden wohl einen meterhohen Luftsprung machen, würde ich mich dieser Verlockung hingeben. An alle Reisefans – ich kann euch beruhigen! Nein – soweit bin ich dann doch noch nicht. Die Welt ist groß und meine Abenteuerlust noch um einiges größer als das Verlangen nach einem Heim und Konstanz. Wenn ich meine „Weltreise“ mit so manch anderen Weltenbummlern vergleiche bin ich geradezu im Schneckentempo unterwegs. Mir ist es wirklich unerklärlich, wie man Brasilien in drei Monaten oder sogar weniger Zeit „abhaken“ soll. Und zum „abhaken“ bin ich nun wirklich nicht unterwegs. Die Reise dauert einfach so lange wie sie dauern muss. Gerade eben dauert es eben besonders lange. “Ankunft im Leben” – ein vielleicht etwas komischer Titel, könnte man meinen ich habe die 15 Monate meiner Reise bis dato nicht wirklich gelebt. Dem ist ganz gewiss nicht so! Aber die Reise hat sich verändert – Ich habe mich verändert!

 

Der Große Traum

Da war er also – vor so vielen Jahren. Aus dem Nichts erschienen, hatte er sich in mein Gedankengut, in den Tiefen meines Verstandes, eingenistet wie ein Virus. Der Traum von der großen Reise! Von Freiheit ohne Limit, von Abenteuern und unbekannten Erfahrungen, hatte er erzählt. Fast täglich wollte er mich aus dem Alltagsleben entreißen. Hat mich frustriert und beflügelt Unbekanntes zu suchen. Hat deprimiert und gleichzeitig ein Bild einer rosigen Zukunft gemalt. Fast zehn Jahre gingen so ins Land. Zehn Jahre die ich mit Studium und Arbeit und einem “normalen” Alltagsleben überbrückt habe. Nein – ich war nie wirklich zufrieden in Deutschland. Aber man gibt eben nicht auf. Schlussendlich hatte ich nachgegeben. Der Traum, der Virus, hatte gewonnen. Und nun? Fünfzehn Monate später sitze ich hier, mitten in einer Kleinstadt in Brasilien. Arapiraca. Alagoas – absolutes Touristen Niemandsland. Ich blicke durch das Fenster auf das doch etwas wildere Treiben in der Straße. Allein von den Erlebnissen inmitten dieses Ortes könnte ich eine kleine Geschichte schreiben. Da ich nach wie vor ohne große Routenplanung reise, frage ich mich des Öfteren, wie ich nur immer an diese mehr oder weniger sonderbaren Orte gelange. Vor meiner Reise hatte ich ganz klare Vorstellungen wie das alles werden würde. Über die vielen Jahre wurden im Kopf eindeutige Bilder gezeichnet. Feinst gemalt und bis ins Detail vorgedacht. Das perfekte Leben, jeden Tag Glück und Sonnenschein. Wirklich erstaunlich zu was ein Geist mit etwas Phantasie fähig ist. Mit den Monaten meiner Reise distanziert sich meine vorgedachte Welt erstaunlich weit von der realen. Ich habe viel Zeit für meine eigenen Gedankensimsalabims und, viel wichtiger, vor allem auch Zeit um die Welt um mich zu sehen. Und diese ist anders – anders als alle Gemälde die ich mit künstlerischer Hand im Kopf gezeichnet hatte. Die Phantasiebilder zerbröckeln ziemlich schnell. Auch kann man die Herausforderungen, welche die Weltreise an mich stellt, keinesfalls mit den Problemen eines Alltagslebens in der Heimat vergleichen. Der Alltag ist Realität! Der Alltag ist die Reise! Der Alltag ist das Leben!

 

The lonesome rider

Hallo und Auf Wiedersehen! Guten Morgen und Gute Nacht! Menschen kommen und gehen und als einsamer Vagabund treibe ich von einem Ort zum anderen. Egal in welchem Land auch immer, unser Planet dreht sich weiter. Menschen sind angetrieben von verschiedensten Dingen. In meinem Fall ist es eben die Straße. Wie ein stiller Beobachter nehme ich manchmal die Welt auf. Beobachte und versuche zu verstehen. Zu Beginn meine Reise war genau jener Reisestill markant von mir. Ich denke an all die Abenteuer, die mich z.B. durch die Wüste der Atacama (Chile, Bolivien, Peru) geführt hatten. Fast täglich hatte ich in absoluter Einsamkeit unter klarem Sternenhimmel geschlafen. Tagsüber wurde geschwitzt und Motorrad gefahren. Zum Morgen und Abend wurde fotografiert. Abwechslung boten die nötigen Tankstellenbesuche und Ausflüge in kleinere Städte um Proviant aufzufüllen. Und dazwischen? Tja da war ich doch meist mit mir selber und Gedanken aus der Vergangenheit beschäftigt. Über die Jahre neigt man ja gerne dazu so einiges an Gedankenschrott mit sich herum zu tragen. Oft werde ich gefragt, wie ich mit dieser Einsamkeit zurechtkomme. Ich muss dabei dann immer an das letzte Bild eines jeden Lucky Luke Comics denken. „The lonesome rider!“ Meist reitet der magere Cowboy dort dem Sonnenuntergang entgegen. Er und sein treues Pferd Jolly Jumper. Über was der magere Cowboy dabei so nachdenkt, wenn er einsam dem Horizont entgegen reitet, dass ist alleine dem Betrachter überlassen. Wichtig war Lucky Luke seine Zigarette (oder später der Strohhalm) – vielleicht war es auch einfach nur das. Wie auch immer! Nun ist es bei mir eben ein Motorrad. Für mich drückt das Bild immer Ruhe und Zufriedenheit aus. Lucky Luke lässt sich treiben, um im nächsten Buch neue Heldentaten an einem anderen unbekannten Ort zu bestreiten. Welches Glück ich habe diese endlose Freiheit leben zu können. Es dauert eine ganze Weile die eigentliche Tragweite von „Freiheit“, wenn man sie denn wirklich hat, zu verstehen. Bis dato hatte ich mir darüber wenige Gedanken gemacht. „Just do it!“ ist das Motto. Ohne Angst und Zweifel täglich ein kleines Stück weiter kommen. Ob im Gedanken oder auf der Straße – Stillstand war gestern. Nach nun fast eineinhalb Jahren fällt es mir wirklich schwer an ein „normales“ Leben zu denken. Zurück in einen festen Rhythmus. Montag bis Freitag Arbeit. 40-Stunden-Woche. Wochenende. Noch einmal von vorne – wöchentlich! Nein – absolute Hölle. Dort will ich nicht mehr zurück. Es muss doch auch anders gehen. Lucky Luke macht es uns vor!

 

Reise oder Leben

Das Leben auf der Straße ist ein Experiment. Vor meiner Abfahrt hatte ich meine Reiseroute auf einer großen Weltkarte eingezeichnet. Von drei Jahren war die rede. Tja – das ich in drei Jahren nicht alle Kontinente bereisen kann, war mir schon vorher bewusst. Schon alleine aus finanziellen Gründen konnte ich mir keine längere Reise vorstellen. Das ich allerdings wirklich so lange in Südamerika bleibe hätte ich nicht gedacht. Und wir sind hier ja noch nicht am Ende. Brasilien hat mir wirklich viel geben, mich persönlich verändert und berührt, weit mehr als all die anderen Länder. Vor kurzem hatte ich ziemlich spontan mehrere 45-minütige Vorträge in einer brasilianischen Schule gehalten. Im Vortrag stelle ich meine Reise und vor allem meine Bilder vor. Am Ende zeige ich auch genau jede Weltkarte und erkläre den Kindern wie es über so viele Jahre mein Traum war um die Welt zu reisen. Es fällt ihnen schwer zu verstehen wie man die Familie und Heimat für ein „ solch gefährliches“ Abenteuer zurück lassen kann. Ziel war es den Kindern aufzuzeigen, dass sie ihre Träume leben können, wenn sie nur wollen und sich bemühen. Was auch immer das nun für Träume in den Köpfen der Kinder sind. Mir wurde während der wiederholten Präsentation der Karte eine ganz andere Sache bewusst. Ich spreche von einer Reise die es schon lange nicht mehr gibt. Ich bin schon lange nicht mehr auf Reise – ich bin in einem anderen Leben. Auch wenn das den ein oder anderen nun verletzen kann. Sorry! Ein Gefühl von Heimweh will sich bei mir einfach nicht einstellen. Klar wäre es schön die Familie wieder in Armen zu halten. Aber zurück – in ein Leben wie oben beschrieben? Zurückkommen von der “Reise” – Nein – da lebe ich lieber noch etwas weiter.

 

Brasilien ist nötig

Um diesen Artikel einen Wert zu geben muss ich noch etwas persönlicher schreiben. Wie ihr lesen könnt bin ich im Gedanken in einer anderen Welt. Ich schreibe von Veränderungen. Veränderungen meines Lebens. Veränderungen meiner selbst und meiner Persönlichkeit. Wer noch nie für lange Zeit alleine auf Reisen war, dem wird es eventuell schwer fallen eine Vorstellung zu machen. Ab und an treffe ich Pärchen oder Reisende in Gruppen. Selten einsame Vagabunden. Ich kann nicht sagen was nun die „bessere“ Art zu reisen ist. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Mit Gewissheit ist es aber anders. Wenn ein Wort signifikant für meine Reise ist dann noch einmal jenes – Einsamkeit! Dieses Mal spreche ich nicht von jener Einsamkeit inmitten der Wüste. Diese Einsamkeit ist kontrollierbar – hier spreche ich von Einsamkeit im Herzen. Mehr als zuvor im Leben stand ich die letzten Monate einer großen Herausforderung gegenüber. Einem Gegner denn ich einfach nicht bezwingen kann. Meiner selbst! Brasilien ist die große Schule für mich. Da stand ich nun vor knapp einem halben Jahr auf dem Marktplatz in Bahia. Ich dachte ich bin in China gelandet. Nichts – aber auch wirklich gar nichts hatte ich verstanden. Auch mein Halbwissen an Spanisch hat nichts geholfen. Nie sprach jemand auf den Straßen Englisch oder gar Deutsch. Somit konnte ich mich sozial nicht mehr an die Menschen annähern. Das war eine doch äußerst lehrreiche Situation und hat mir aufgezeigt wie sehr auch ich auf soziale Kontakte angewiesen bin. Alleine geht man ein wie eine Blume ohne Wasser.

Es musste also etwas passieren, um der Einsamkeit im Herzen nicht zu unterliegen. Da ich mit Absicht immer einen großen Bogen um all zu touristische Ortschafen mache, treffe ich auch sehr selten auf andere Reisende. Zu einfach wäre es gewesen sich dem globalen Touristenstrom anzuschließen, nur um sich „sicher“ zu fühlen. Auch über das Internet lässt es sich immer leicht in das sichere Schneckenhaus schlüpfen, wenn auch nur virtuell. Nein – das ist nicht für mich. Ganz oder gar nicht! Ich will keine Sicherheit – ich will 100%. 100% Leben und Reisen. Jegliche Heimflucht lenkt von der wahren Welt vor Ort ab. Es gab also nur eine Möglichkeit – weiter hinaus schwimmen auf das Meer, mit der Hoffnung das Schlaraffenland, in Gestalt einer Insel der Freude, zu finden. Noch weiter wollte ich in dieses Brasilien vordringen. Es einfach noch mehr verstehen. Somit musste ich die Sprache lernen. Der Anfang war schwer aber nichts ist unmöglich. Nun zurückblickend – nach sechs Monaten – war dies das Beste was mir passieren konnte. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wo ich die Brasilienreise wirklich besonders genieße. Meine Geheimwaffe ist die Sprache. Perfekt ist anders. Aber egal! Somit macht es für mich gerade wenig Sinn das Land zu verlassen. Nach Brasilien ist wieder Spanisch angesagt und somit muss das nun noch ausgekostet werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Jahresgrenze, was den Aufenthalt im Land angeht, auch noch überschreite.

Den Prozess sich in einer absolut fremden Welt zurechtzufinden und in kleinen Schritten täglich mehr zu verstehen fand ich sehr lehrreich. Doch wo endet das alles nun? Die “Ankunft im Leben”. Was hatte sich die letzten Wochen doch alles bewegt. Ich denke an die Favela in Maceio – ein Ort der wirklich nicht erste Wahl für einen Ausländer ist. Ich hatte dort die liebenswertesten Menschen des Landes kennen gelernt. Ich denke an die Menschen in Minas Gerais, welche mir immer die Türen geöffnet hatten, oder eben jenen Besuch in der Schule. Wenn Kinderaugen eines kleinen Mädchen mich ansehen und sagen: “Glückwunsch Martin. Vielen Dank das du zu uns gekommen bist. Die Geschichten haben mich sehr bewegt. Vielen vielen Dank!” Oder auf einer Party mit Freunden mit ein Geschenk gereicht wird. “Für Martin – der Person die in zwei Wochen mein Leben verändert hat!” Solche starke Worte zu hören (und das sind nur Beispiele) gibt mir zu verstehen, dass ich irgendetwas richtig zu machen scheine. Ein Gefühl, welches ich einst dazumal im lieben Deutschland nur selten hatte. Warum auch immer! Wo mich das alles nun einmal hinführt bleibt weiterhin abzuwarten…

 

Dies noch zur Information!

Rückblickend gab es so einige Höhen und Tiefen die letzten Monate. Nichts lief wie geplant und eigentlich wollte ich zum Frühjahr (in Deutschland Herbst) über den Amazonas nach Venezuela einreisen. Aber mein Motorrad hatte einen anderen Plan. Stichwort Motortausch. Wer mehr wissen will klickt auf den Link. Ich finde das Thema mittlerweile ziemlich lästig, aber zur Erklärung meiner Situation bedarf es doch noch ein paar mehr Worte. Wenn das Boot nicht richtig schwimmt reist es sich beschwerlich. Zwei Wochen nach der Herzoperation ist die gesamte Elektronik ausgefallen. Reparatur im größten Land Südamerikas aussichtslos. Das war um die Weihnachtszeit und ich hatte ernsthaft mit dem Abbruch meiner Reise gespielt. Der Transport war schon so gut wie organisiert, ein Flugticket wäre sicherlich auch einfach zu besorgen gewesen. Aber nein! Mit Freunden und einer (oder ein paar mehr) Flaschen Rotwein wurde die ganze Angelegenheit noch einmal ausgiebig durchdacht. Das kann es nicht gewesen sein! Aufgeben? „Nein!“ Seit nunmehr 20000 Kilometer geht es nun also ohne Elektronik weiter. Mein Cockpit blinkt wie ein Weichnachtsbaum, aber abgesehen davon, fährt Katze fleißig dahin. Und um was geht es nun – ein perfektes Motorrad oder DIE REISE. Ich bewege mich fort und die Tatsache, dass ich bei einer weiteren Panne im absoluten Niemandsland stranden werde verdränge ich gekonnt. Irgendwie geht es immer weiter und was macht nun den Unterschied zwischen einem Reisenden und einem (hmmm) Abenteurer?

Euer Martin

 

Noch mehr Freiheitenwelt

Martin Leonhardt

Martin ist Gründer und alleiniger Redakteur von Freiheitenwelt.de. Fotografie und Reisen sind seine große Leidenschaft. Über viele Jahre erkundet er unseren Planeten. Er schreibt auch gerne Reportagen für einschlägige Magazine. Willst du mehr über Martin wissen? Schreibe ihm einfach eine Nachricht oder nutze eines der sozialen Netzwerke.

6 Kommentare

  1. Hallo Martin,echt eine super Sache Deine Reise! Ich war 2014 auch mit dem Motorrad in Südamerika unterwegs und kenne ebenfalls die ,,Höhen und Tiefen”,,,,,,,,Ende 2015 werd ich mich wenn alles klappt wieder auf ,,die Socken” machen,,,,,,,Habe mal eine Fragen an Dich: Wie hast Du das ,, geregelt” das Du 8 Monate oder länger in Brasilien bleiben kannst oder konntest( meines Wissens geht das nur bis max. 6 Monate) dank dir im vor raus,beste grüsse TH.

    • Hi!

      Ganz offiziell sind sogar nur drei Monate als Tourist möglich. Die drei Monate Plus musst du dir gut erbetteln. Wenn du länger bleiben willst gibt es zwei Möglichkeiten. 1. Du heiratest eine Brasilianerin und 2. Du bleibst illegal im Land! Was nun für dich das größere Abenteuer ist musst du selber herausfinden.

      Schönen Gruß

      Martin

  2. Liebster Martin,

    wenn ich das lese gehst du mir echt ab – und : du klingst in deiner kleinen Seelenschau, die du hier verfasst hast, genauso wie ich dich in Erinnerung hab, wie ich dich ‘gesehen’ hab – merkwuerdig, wenn du sagst das erst gefunden zu haben als du weg warst. Unregelmaessig sitze ich am PC aber wenn ich deine neuesten Geschichten lese bin ich immer gespannt wie ein Flitzebogen.

    Denk an dich – mach genau immer da weiter – und ich bin sooo froh dass du nicht nach D zurueck gefahren bist.
    Hau rein auf deinem Weihnachtskatzenbaum!
    Felicia

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