Solo Villarrica – Vulkan bei Nacht

Morgenglück am Gipfel

Morgenglück am Gipfel

Zurück in Pucón. Der erste Versuch den Vulkan Villarrica zu besteigen war also vergebens. So kurz vor dem Ziel mussten wir umkehren. Das Gipfelglück blieb aus und so richtig ist die Sache einfach nicht abgeschlossen. Was also tun? Wie im letzten Artikel geschrieben, gibt es Vorschriften für die Besteigung des Villarrica. Eine Sologuide ist mir schlichtweg zu teuer, eine zweite Gruppentour auch. Am liebsten will ich den Berg im Alleingang besteigen, aber dieser wiederum ist ja angeblich verboten. Nun – was im Internet geschrieben steht, muss ja nicht unbedingt stimmen. Deswegen begebe ich mich zum Conaf Büro, um handfeste Informationen einzuholen. Es ist geschlossen, obwohl die Öffnungszeiten auf der Tafel neben der Tür gegenteiliges behaupten. Ich schlage zwei Stunden mit Kaffee, Mittagessen und einem kleinen Stadtbummel tot. Nebenbei werfe ich einen Blick auf die Wettervorhersage. Die Bedingungen sind bestens! Zurück beim Büro ist dieses noch immer geschlossen. Gut – dann besorg ich mir vorerst die Ausrüstung. Helm, Eispickel und Steigeisen sind für die Besteigung obligatorisch. Ein drittes Mal begebe ich mich zu Conaf. Noch immer ist geschlossen. Mittlerweile ist es mir aber auch egal. Die Entscheidung ist schon längst gefallen. Ich werde alleine gehen! So oder so. Die Ausrüstung liegt bereit, das Wetter ist optimal, die Vulkanaktivitätsanzeige steht auf grün, ich fühle mich fit und der Anstieg zum Berg ist mir mittlerweile ja bekannt.

 

Auf gehts!

Ein Uhr morgens. Es war eine kurze Nacht. Nach einem kleinen Frühstück werfe ich den vollgepackten Rucksack über, besteige mein Motorrad und fahre durch die menschenleere Stadt. Es ist ziemlich frisch, aber nicht zu kalt. Während die letzten Häuser der Stadt an mir vorüber ziehen, blicke ich zu den Sternen hinauf. Wie vorhergesagt – keine Wolke ist zu sehen. Perfekt! Die Anfahrt bis zum Nationalpark Villarrica dauert knapp 30 Minuten. Ich passiere das Conaf Besucherhäuschen und erklimme die ersten Höhenmeter über Schotterpisten. Die ersten 1680 Meter sind geschafft. Leise parke ich mein Motorrad neben der Liftstation. Schon jetzt fühlt sich die Besteigung wie ein kleines Katz und Maus spiel an. Eigentlich darf ich hier gar nicht sein. Sowohl in der Talstation des Lifts, als auch in der etwas weiter entfernten Hütte der Bergwacht, brennt noch, oder schon, Licht. Ich blicke mich um, ob auch wirklich niemand da ist. Bis jetzt bin ich noch ein einfacher Tourist oder Fotograf der sich verirrt hat. Die Luft scheint rein – ich beginne mit dem Anstieg.

 

Lago Villarrica Nacht

Lago Villarrica Nacht

 

Für alle Fälle hab ich die Stirnlampe aufgesetzt. Der noch tiefstehenden Halbmonde spendet gerade genügend Licht, um diese jedoch vorerst ausgeschaltet zu lassen. Irgendwie fühle ich mich doch noch müde. Die ersten Meter fallen mir schwerer als den Tag zuvor. Aber es ist ja auch noch früh. Die Muskeln müssen wohl erst noch etwas aufwärmen. Es ist unglaublich ruhig. Die Gondeln des Sesselliftes pendeln leicht im Wind. So manches Quietschen und Knacken stimmt mich unruhig. Paranoia. „Folgt mir auch wirklich niemand?“ Mehrmals blicke ich ins Tal. Nichts zu sehen. Weiter oben, kurz vor Ende des ersten Teilstücks, gehe ich langsam. Auch hier hat die Bergwacht einen Posten errichtet. Es ist wohl sehr unwahrscheinlich, dass um halb drei Uhr Nachts jemand hier oben ist. Dennoch schleiche ich mich schnell und leise an dem weißen Domzelt vorbei. Es bleibt weiterhin ruhig. Gut – noch ein paar Meter und mich kann niemand mehr einholen.

Wieder passiere ich die Ruine der alten Liftstation. Zur Nacht wirkt das verfallene Gebäude ganz anders. Fast schon grusselig. Auf dem Dach der Station genehmige ich mir eine erste kurze Pause. Knapp eineinhalb Stunden bin ich nun unterwegs. Ein drittel des Anstiegs liegt schon hinter mir. Weiter unten im Tal sind die noch schlafenden und beleuchtenden Städte und Dörfer neben dem „Lago Villarrica“ zu sehen. Einer der größten, unter den Seen im Süden von Chile. In der Ferne zeichnen sich im dunklen die Silhouetten mehrerer Berge. Es fühlt sich jetzt schon toll an hier zu sein. Weiter geht’s – noch knapp eine Dreiviertelstunde bis zum Gletscherrand. Wie gestern, so empfinde ich auch heute diesen Teil des Anstiegs als ziemlich leicht. Die Pfade sind sehr gut befestigt und führen in Schlangenlinien weiter den Vulkan hinauf. Schon bald liegt die kleine Gletscherzunge vor mir. Bereit nun auch von mir, bis zum Ende, bestiegen zu werden.

 

Gletscherrand Nacht

Gletscherrand Nacht

 

Zeit für eine erste kurze Mahlzeit. Nebenbei schnalle ich die Steigeisen an, setzte mir den Helm auf und packe den Eispickel aus. Das Eis sieht gut aus. Durch die Kälte der Nacht ist es noch extrem hart. Der Wind wird stärker. Alleine auf dem Gletscher! Einmal mehr genieße ich die Ruhe. Nur das leichte Knacken von Eis unter meinen Bergstiefeln ist zu hören. Mit sicheren Schritten erklimme ich jeden weiteren Meter des Gletschers. Vorausschauend umgehe ich einige tiefe Gletscherspalten. Während ich so im Mondlicht dahin stapfe überkommt mich auf einmal ein inniges Glücksgefühl. Ich genieße einfach jeden Meter des Anstiegs. Zur Rechten blicke ich zum Krater hinauf, über mir die Sterne, unter mir das Eis, das dämmrige Licht. Bei solchen Touren fragt man sich manchmal, warum man sich das eigentlich antut. Genau hier, genau jetzt, in diesem Moment finde ich die Antwort auf diese Frage. Der Weg ist das Ziel und was wohl noch alles kommen mag. „Dort oben, dort beim Vulkankrater?“

Die Steigung nimmt zu. 2440 Meter – noch knapp 400 Höhenmeter liegen vor mir. Ich stehe vor der Wahl:

1. Weiter dem Gletscher entlang, welcher mittlerweile eine Neigung von deutlich mehr als 100% (45°) hat. Geschätzt vielleicht 60°.

2. Über loses Geröll und ohne Steigeisen der Flanke des Gletschers entlang. Ich erblicke einige Fixseile und vermute dort den gewöhnlichen Anstieg.

Ich entscheide mich für den Gletscher. Die Strukturen im Eis sind durch das Mondlicht einfach viel besser zu erkennen als die Pfade am Rande. Sicherlich die anstrengendere Route. Aber dafür hab ich einen sicheren Tritt unter den Füßen und brauch mich vorerst nicht um die Steigeisen zu kümmern.

 

Villarrica Anstieg

Villarrica Anstieg

 

Geschafft! Der Gletscher liegt hinter mir. Wenn ich die Leute immer vom leichten Anstieg des Villarrica erzählen höre, frage ich mich gerade, wo dieser hier oben noch sein soll? Das letzte Stück Eis war schon nicht ohne und hat mich eine dreiviertel Stunde gekostet. Es ist schon spät geworden. Die Morgenröte zeigt sich langsam am Horizont. Eine weitere viertel Stunde wandert es sich ohne Steigeisen bis hoch zum Kraterrand. Endlich da, endlich am Gipfel! Ich kann den Schwefel schon riechen. Kaum oben angekommen fegt mir eine dicke Rauchwolke mitten ins Gesicht. Heftig! Für kurze Zeit kann ich nichts mehr sehen, spüre meinen Atem kaum. Sofort drehe ich mich ab und knie mich nieder, auf der Suche nach frischer Luft. Diese findet sich zum Glück auch bald. Es war nur eine Windböe, welche den Qualm des Kraters mit sich genommen hatte. Ich stehe wieder auf. Welch nette Begrüßung des Villarrica! Und da liegt er vor mir – der tiefe Vulkankrater. Behutsam nähere ich mich, schalte nun auch noch zusätzlich die Taschenlampe ein. Ein falscher Schritt kann hier leicht tödlich sein.

Das kein Lava zu sehen ist wusste ich schon im Vorfeld. Der Stand des Sees ist momentan sehr weit unten. Von einem Hubschrauber oder Flugzeug aus kann man in sehen. Beides steht mir grad nicht zur Verfügung. Aber zumindest kann ich ein rötliches Glimmen an den Wänden des Kraters erkennen. Da unten wird aus Magma also Lava, welches mit bestimmt +- 1000° vor sich hin brodelt. Alleine die Vorstellung finde ich schon aufregend. Sicherlich kein Ort für ein angenehmes Bad.

 

Sonnenlicht

Sonnenlicht zum Morgen

 

Die ersten Sonnenstrahlen. Der Krater lässt sich leicht am Rand umrunden. Bewaffnet mit meiner Kamera begebe ich mich auf die kleine Wanderung. Insgesamt sieben andere Vulkane zähle ich in der Entfernung. Das Panorama ist phänomenal. Gerade im Licht des Sonnenaufgangs. Alleine hier oben zu stehen hat schon was. Unten die Lawa, der Krater, im Dunst von Schwefel und Rauch. Zum Fuße des Villarricas tun sich mehrere mit tiefen Spalten übersähte Gletscher auf. In der Ferne erblicke ich dutzende von Seen, die noch im Tau des Morgens stehen. Leichter Nebel hüllt die Gegend zusätzlich sanft ein. Das hat schon was! Auf der anderen Seite des Kraters angekommen, lässt sich bis tief in den Schlund des Vulkans blicken. Ein riesiges schwarzes Loch tut sich auf. Mittlerweile nutze ich mein Halsband um den beizenden Geruch entgegen zu wirken. Immer wieder bläst mir der Wind den Rauch ins Gesicht. Ich finde mehrere Fumarolen, welche sicherlich ihren Teil dazu bei tragen. Besonders begeistert mich auch das vielfältige Lavagestein. Ich lasse mir Zeit und erkunde alle möglichen Winkel um den Krater.

Danach ist Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Das hab ich mir doch auch wirklich verdient? Auch wenn es nur belegte Brötchen, Kekse und kaltes Wasser gibt, ist die sicherlich eines der besten meines Lebens. Ein weiterer kleiner Erfolg – ich fühle mich prächtig. Was für eine tolle Zeit!

 

Feuerhimmel

Feuerhimmel – kurz vor Sonnenaufgang

 

Es ist 8:30 Uhr. Die ersten Vulkanbesteiger machen sich sicherlich schon auf den Weg. Ich werfe noch einen letzten Blick in den Krater und die Ferne, bevor ich mich zum Abstieg begebe. Den Gletscher hinunter geht es weitaus schneller. Plötzlich begreife ich auch die Notwendigkeit des Helmes auf meinem Kopf. Für Firnbesteigungen wird dieser in der Heimat oftmals nämlich Zuhause gelassen. Auf halben Weg nach unten lösen sich unweit über mir, größere Eisbrocken und rollen den steilen Hang hinunter. Ich lege mich sofort flach auf den Boden. Autoreifengroße Brocken fliegen neben mir vorbei, um weiter unten an einem der Felsen wie Glas zu zerspringen. Ein spannender Moment! Beim weiteren Abstieg blicke ich ständig nach oben. Vorsichtig laufe ich weiter. Durch das Sonnenlicht kommt Spannung in das Eisfeld, was wohl den ein oder anderen Riss erzeugt und sicherlich auch diese Stückchen vom Gletscher losgelöst hat.

Wieder ohne Steigeisen unterwegs führt der Weg eine alternative Route nach unten. Ich wollte unbedingt noch einen Blick auf die abgekühlten Lavaströme werfen. Von diesen hat es hier nämlich jede Menge. Bis zur Talstation folge ich den schwarzen Steinformationen. Kaum vorzustellen wie der Villarrica beim letzten großen Ausbruch in Flammen gestanden haben muss .

 

Lavastein

Lavastein

 

Das Motorrad ist nicht mehr weit. Die Tour geht zu Ende. Aber – ach ja – da war ja noch was. Ich habe keine Genehmigung für die Besteigung. Um auf den finalen Metern nicht doch noch eine böse und vielleicht auch teure Überraschung zu erleben, packe ich alles fertig zusammen. Kaum am Motorrad sitze ich auf und verlasse den Park so schnell als möglich. Niemand wirft Steine nach mir, niemand hält mich auf. Alles wird gut und vielleicht war die ganze „Aktion“ ja doch nicht so schlimm. Eines war es für mich aber sicherlich. Ein kleines Abenteuer an das ich noch lange denken werde…

Tschüss Villarrica – die vielen anderen Gipfelstürmer haben dich wieder…

 

Hier noch ein paar mehr Bilder:

 

 

Abschließend muss ich noch etwas Kritik an die Agenturen, welche die Besteigungen organisieren, abgeben. Es wir suggeriert, dass die Besteigung zum Kraterrand des Villarrica einem Spaziergang gleicht. Dem ist ganz gewiss nicht so. Sicherlich ist der Vulkan technisch kein sonderlich anspruchsvoller Berg. Dies ist aber eine Frage des Standpunktes. Erfahrene Bergsteiger werden denn Villarrica wohl als „leicht zu besteigen“ einordnen. Für viele der Touristen, welche keine alpine Erfahrung mitbringen, ist der Vulkan aber schlichtweg zu schwierig. Genau auf diese Zielgruppe zielen die Unternehmen jedoch ab. Fleißig zahlende Touristen! Nach meiner kurzen Einschätzung wage ich zu behaupten, dass keine 20%, wenn überhaupt, den Gipfel erreichen. Denn Unternehmen ist es gleich, da das Geld ja schon vorher einkassiert wird. Auch den Bergführern dürfte ein tägliches Gipfelglück ziemlich schnuppe sein. Jeder freut sich auf einen frühen Feierabend.

Bergsteigern würde ich raten, sich schon im Vorfeld bei Conaf zu registrieren. Mit den nötigen Unterlagen sollte die Genehmigung kein Problem sein. 2+ Anstiege sind ja kein Problem. Ambitionierten Gipfelstürmern würde ich trotz meiner Erfahrung empfehlen einen Bergführer zu engagieren. Mit etwas Zeit im Gepäck lassen sich sicherlich auch gleichgesinnte „Kletterpartner“ finden.

Auch wenn ich, wie hier beschrieben, den Berg auf eigene Faust bestritten habe, würde ich dies nur bedingt empfehlen. Vieles muss stimmen um die Tour alleine und mit kleinem Risiko bestreiten zu können. Im Winter würde ich schon alleine wegen der Gletscherspalten davon abraten. Schlechtes Wetter kann immer aufkommen und nicht zuletzt erfährt man keinerlei Bergung ohne die Genehmigung von Conaf.

 

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Bergzeit.de

 

Martin

Martin ist Gründer und alleiniger Redakteur von Freiheitenwelt.de. Fotografie und Reisen sind seine große Leidenschaft. Seit knapp zwei Jahren erkundet er Amerika. Er schreibt auch gerne Reportagen für einschlägige Magazine. Willst du mehr über Martin wissen? Schreibe ihm einfach eine Nachricht oder nutze eines der sozialen Netzwerke.

3 Kommentare

  1. Hello Mitbewohner!!!
    riesen Seebeben vor Chile… Irgendwas gewackelt bei dir?
    Ich verfolge dich laufend, auch wenn das nicht den Eindruck macht – es schmerz derzeit sooft von deinem Boxenstopps zu lesen.
    Ansonsten freue ich mich ueber jede neues neue Foto und die begleitenden Zeilen :)

  2. Hallo Martin,
    wow, die Bilder sind der absolute Hammer!
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Zeite, nette Menschen & viele Abenteuer.

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