Nichts los in Südamerika

Zaun im Hochland Bolivien. Motorrad passiert.

 

Sitze gerade hier in Arequipa, Peru, bei meinem zweiten Frühstück. Ja – das Zweite, da ich nicht begriffen hatte, dass es im Preis für die Unterkunft inbegriffen ist. Schlechter Cafe und Pan mit Marmelade. Nicht sonderlich aufregend. Warum Peru? Eigentlich wollte ich doch die Ostküste von Brasilien hoch fahren? Das ist auch nach wie vor der Plan. Um mein Abenteuer Atacama Wüste abzuschließen, wollte ich allerdings auch noch den nördlichen Teil der Wüste erkunden. Und dieser liegt wiederum in Peru. Bald soll es wieder zurück nach Bolivien gehen.

Aber was war nun eigentlich los – die letzten Wochen. “Nichts los in Südamerika”, oder wie? Nein – dem war ganz gewiss nicht so. Nach der spannenden Zeit in Cordoba, ging es schnurstracks nach Bolivien. Nur in Salta hatte ich noch für zwei Tage einen Zwischenstopp eingelegt. Bolivien – zurück im Altiplano. Mittlerweile könnte ich wohl einen Reiseführer über das Hochland des Landes schreiben. Sowohl die beliebte “Laguna Ruta” im Westen als auch die östlich gelegene Route zum Salar de Uyuni hab ich befahren. Und genau über diese will ich nun schreiben.

Tupiza – ein kleines Dorf, Nest, so oder so, ruhig ist es dort. Ich decke mich mal wieder mit Unmengen von Lebensmitteln, Sprit und Wasser ein. Mehr als 1000 Kilometer sollen es werden. Gleich zu Beginn wird es knüppelhart. Ich folge der “offiziellen” Rally Dakar Route durch einen beeindruckenden Canyon. Das Flussbett ist trocken und es bringt ordentlich Spaß, zwischen den roten Felsformationen hindurch zu fahren. Ich passiere kleine Dörfer, bewohnt von sehr schüchternen Menschen. Meist sind die Straßen menschenleer. Nur selten ergibt sich ein Gespräch mit den Personen. Die Türen sind verschlossen! Es ist doch ziemlich sonderbar durch die Ortschaften zu fahren. Fast immer parke ich direkt im Zentrum – für eine Pause. Meist nichts – nur einmal bin ich gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Schule hat Pause und schnell werde ich von vielleicht 30 Jungen und Mädchen umzingelt. Alle sind sie in weiße Kleider gehüllt. Sie kucken mich an wie einen Astronauten vom anderen Stern. Sie spaßen herum, wollen das Motorrad berühren und fragen mich interessiert, was ich eigentlich hier mache. Kaum warm geworden mit den Kids, ruft die Lehrerin die Kinder auch schon wieder zurück. Das war ein kurze Pause. Danach wieder – Leere in den Straßen… Komisch komisch…

Fluss Dakar

Fluss Dakar

Nun gut – von Tupiza aus führen mich endlose Pässe und Straßen bis auf 4000 Meter über dem Meereslevel. Es ist einfach alles dabei. Kleine, rustikale Tunnel, Flussdurchquerungen, Serpentinenstraßen, tiefer Sand, Schotter und schnelle Pisten. Wie schon im November 2013, bin ich begeistert von der trockenen, weiten Landschaft des Altiplanos. Mir gefällt es hier. Die östliche Route wird von den 4×4 Touristen so gut wie gar nicht bereist. Deswegen sehe ich fast keine Autos. Durch die kleinen Dörfer und Städte, hab ich den Eindruck, irgendwie im “Wahren” Altiplano angekommen zu sein. Ich finde kleine Farmen, die Bauern bauen eine ganz besondere Form von Reis hier an. Landwirtschaft hätte ich hier oben wirklich nicht erwartet. Lamas und Alpakas dürfen natürlich auch nicht fehlen. Und gerade diese sieht man hier zu hauf. Die meisten tragen bunte Bänder im langen Fell. Natürlich werden die Tiere auch als Nutztiere gehalten. An Freiheit scheint es denn liebsamen Tierchen deswegen trotzdem nicht zu fehlen. So kurz nach der Regenzeit sind viele Flüsse in den Tälern mit reichlich Wasser gefüllt. Die Tiere leben hier mancherorts wir im Schlaraffenland. Mehr als einmal halte ich an, um die Lamas, Alpakas zu beobachten.

Lamapampa Altiplano Bolivia

Lamapampa

Lama im Fluss

Lama im Fluss

So wie die Tiere im Wasser stehen, so steht wenig später die KTM 1190 im Wasser. Sicherlich mehr als zwanzig Flussdurchquerungen hatte ich schon überstanden. Aber nun – ich war doch vor gelaufen? Knapp knietief sollte das Wasser sein. Eigentlich kein Problem für das Motorrad. Es war wohl die falsche Spur! 300 Kilogramm Reisemotorrad sitzen im Fluss fest. Nichts geht mehr! Natürlich ist es nun Mittagszeit – es ist heiß! Verdammt heiß! Das Gepäck muss ab – alles! Manoman – Augen zu und durch. Ich schiebe und ziehe an der KTM, aber Katze bewegt sich kein Stück. Am Ende lege ich das ganze Motorrad um und ziehe es seitlich aus dem Fluss. Ein anstrengendes unterfangen – aber irgendwie muss es ja weiter gehen. Nebenbei bemerkt, war die Route eine “Desvio” – also Umleitung. Die offizielle Straße war gesperrt. Weder in meinen Karten als auch dem GPS konnte ich Informationen darüber finden. Gestrandet im Nirgendwo. Ich muss hier wieder weg. Die letzten zwei Meter richte ich das Motorrad auf und fahre aus dem Fluss. Unglück im Glück (mal andersrum). Katze steht wieder auf festem Untergrund, aber irgendwas surrt! Das Ventil von der hinteren Felge ist gebrochen. Druckverlust = Luftverlust = nicht gut! Das Ventil ist total verbogen – schnell biege ich es mit einer Zange zurecht. Kein Surren mehr – aber weniger Luft im Reifen. Das auch noch! Reifenwechsel in der Pampa. Schlauchlos, Hinterreifen. Wer Erfahrung mit solchen Sachen hat weiß, dass man sich dies gerne erspart, falls möglich.

 

Flussfest

Flussfest

Flussfest

Flussfest

Das Gewinde vom Ventil ist abgebrochen, was bedeutet, dass die Luftpumpe nicht mehr dicht sitzt. Alles nur keinen Reifenwechsel – bitte! Notdürftig dichte ich das gebrochene Ventil mit Panzerband und einer Plastiktüte. Und siehe da – es funktioniert – ich bekomme Luft in den Reifen und kann zumindest weiterfahren. Eines ist aber klar – beim nächsten Reifenhändler wird das Ventil gewechselt. Bis dahin ist es aber noch ein Stück. Noch immer trennen mich 500 Kilometer bis zum Salar de Uyuni und wahrscheinlich 200 weitere bis zur nächsten Stadt.

Gut – Abenteuer Motorrad, Lamas, Menschen – Altiplano – was noch? Shopping – Einkaufen – das macht doch immer Spaß! Am meisten in einem der kleinen Tante Ema Läden. Eine äußerst nette und komischerweise überhaupt nicht zurückgezogene Frau begrüßt mich. 73 Jahre ist sie alt, hat noch zwei Zähne (welche sie mir ganz stolz zeigt) und ein vielleicht 6 Monate altes Baby hinterm Tresen liegen. Ich kaufe Kleinigkeiten ein. Etwas Süßes, Obst und Götterspeise. Wir unterhalten uns – Smalltalk im Altiplano. Über Wetter, Salz, das Leben und so weiter. Das sind die kleinen netten Momente einer Reise die ich so schätze. Ich frage sie ob ich ein Foto machen kann. Von ihr und dem Laden. Gewöhnlich lautet die Antwort in Bolivien immer Nein – oder es wird Geld verlangt. Aber die Frau freut sich – ist verlegen, aber lässt mich gewähren. Solche Fotos liebe ich – Eine Frau – Eine Geschichte, keine Unbekannte Person.

Tante Ema Bolivien

Tante Ema Bolivien

Straße Bolivien

Straße Bolivien

Was noch? Ach ja – Benzin. Dieses gibt es mal wieder aus Kanistern. Ist günstiger als an den offiziellen Tankstellen (In Bolivien zahlen alle “Extranjeros” den dreifachen Preis für Kraftstoff) und auch noch von guter Qualität. Fünfzehn Liter lasse ich mir geben. Genug für die Überquerung des Salar de Uyuni und die Weiterfahrt bis nach Chile.

Der große Salzsee – ich erfülle mir einen Traum. Mit dem Motorrad über die Salzwüste. Es macht einfach nur Spaß. Unter mir das trockene Salz, bis zum weit entfernen Horizont. Blauer Himmel und Sonnenschein. Alles ist bestens! Nach der langen, 3-tägigen Tour, bis zu diesem Ort fühlt es sich an als hätte ich einen Berg bestiegen. Gipfelglück einmal anders. Den ganzen Tag erkunde ich das “Gelände”. Mehrere kleine Inseln fahre ich an. Kakteen soweit das Auge reicht. Freiheit! Später zum Abend errichte ich mein Zelt. Stille – selten zuvor auf der Reise hab ich solche Stille erlebt. Kein Wind, kein Knarren, Zerren – einfach Nichts. Der Vollmond geht zur Nacht auf und spendet ein mystisches Licht. Genau richtig um auch zur Nacht Fotos zu schießen. Gegen 4 Uhr stehe ich auf. -10°, aber es ist angenehm. Ich genieße einfach jede Sekunde hier oben.

Schlafen

Schlafen

Motosalar

Motosalar

Nach der ersten Nacht lege ich einen Zwischenstopp im Touristenort Uyuni ein. Schon bald soll es zurück zum Salar gehen, weiter über den Salar de Coipasa nach Chile. Das letzte Stück Atacama Wüste will auch noch erkundet werden. Aber davon erzähle ich ein ander mal… Nun wartet noch Arequipa und der Colca Canyon auf mich.

 

Bis Bald! – Martin

 

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Martin Leonhardt

Martin ist Gründer und alleiniger Redakteur von Freiheitenwelt.de. Fotografie und Reisen sind seine große Leidenschaft. Seit knapp zwei Jahren erkundet er Amerika. Er schreibt auch gerne Reportagen für einschlägige Magazine. Willst du mehr über Martin wissen? Schreibe ihm einfach eine Nachricht oder nutze eines der sozialen Netzwerke.

6 Kommentare

  1. Servus Martin!
    Du fesselst mich immer wieder und ich bin restlos fasziniert von deinen Erlebnissen!
    Wäre echt genial, dich mal persönlich kennenzulernen.
    Liebe Grüße aus deiner Heimat, Franken!!!

  2. Hallo Martin,

    Ende des Jahres fahre ich nach Chile. Ich wollte Dich fragen, ob Du mir GPS-Daten von den Strecken in der Atacama zusenden kannst.

    Gruß

    Jürgen

  3. Hahahaa, hab mir grad nochmal deine Bolivien Stories angesehen. I find dein Motosalar Bild soo affenstark! Gut geworden. Und erneut find ich wirklich genial: Fluss Dakar. Mit deiner Erlaubnis druck ich das auf Din A00 und mach ne Fotowand im Schlafzimmer… ;)

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