Katze wir müssen reden

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Will nicht jeder eine Katze?

Für Katze:

Ich habe viel nachgedacht. Über dich, über mich, über uns. Hier, inmitten des Amazonas, steht die Zeit seit vielen Wochen still. Reisepause. Während du täglich unter deinem kleinen Dächlein vor dich hin döst, beschäftigen mich wirklich ernste und traurige Gedanken. Nein, es ist gewiss nicht alles perfekt so wie es ist, sonst würdest du diese Zeilen nun nicht lesen. Ich bin frustriert, etwas plan- und ratlos. Was soll aus unserer gemeinsamen Zukunft nur werden? Du verstehst nun vielleicht nicht warum dem so ist, warum ich so nachdenklich bin, deswegen will ich einmal von ganz vorne anfangen. Ich will dort anfangen, wo sich unsere Blicke zum ersten Mal trafen. Vor zweieinhalb Jahren – irgendwo im Norden von Deutschland.

Da standst du nun auf einmal vor mir. Blitzblank gestriegelt warst du die schönste Katze weit und breit. Dein Blick hatte mich gefangen und ich war von deiner Eleganz und Stärke ganz angetan. Ich war auf der Suche nach einem Begleiter für mein abenteuerliches Vorhaben, die weite Welt auf eigene Faust zu erkunden. Viele andere Kandidaten hatten sich bis dahin schon gemeldet. Aber keiner, oder keine, war so wie du. In meinen Augen schlichtweg perfekt. Zu dieser Zeit hattest du wohl noch keine Vorstellung von dem, was auf dich zukommen wird. Trotzdem hattest du mir still zugestimmt mir ein treuer Begleiter zu sein. Was hattest du auch schon für eine andere Wahl. Schneller als du schauen konntest hatte ich dich schon eingepackt und mit nach Hause genommen. Dort hatte ich dich extra schick gemacht und mit vielen Spielsachen beschenkt. Sachen die du natürlich mit auf Reise nehmen durftest. Es war unsere kurze Zeit des Kennenlernens. Zwei Monate später ging es ja dann schon los.

Die Reise begann: Die ersten Monate mit dir waren einfach atemberaubend. Zusammen hatten wir die höchsten Pässe, die weitesten Wüsten und viele uns unbekannte Gegenden besucht. Wir hatten das weite Meer und die hohen Berge der Anden besucht. Sonne, Regen, Wind und Schnee konnten uns nichts anhaben. Es war das große Abenteuer von dem ich so viele Jahre geträumt hatte. Ich war so begeistert von dir. Ohne Murren hattest du mir Tag für Tag das gegeben was ich wollte. Welch tolle Katze, dachte ich mir. Ich war verliebt!

Kurz vor Patagonien war dann allerdings Schluss. Du warst scheinbar mit deiner Kraft am Ende. Von einem Tag auf den anderen hattest du deine Stärke verloren. Was hatte ich gekämpft dich wieder zurück ins Leben zu bringen. Wie oft stand ich mitten in der Pampa auf der Suche nach einer Lösung. Manchmal reichte ein kleiner Stupser, ein anderes Mal musste ich fremde Hilfe bemühen oder gar einen Transport für dich finden. Deine Katzenpfoten wollten dich nicht mehr tragen. Die Reise nach Feuerland hatte ich für dich abgeblasen, deine Gesundheit war schließlich wichtiger. Du warst offensichtlich krank. Mühsam und mit der letzten Energie hatten wir mehrere Kliniken aufgesucht. Wochenlang hatte ich auf eine Besserung für dich gehofft. Ich hatte dich besucht, war an deinem Bett gesessen und war täglich im Gedanken einfach nur bei dir. Die Ärzte in Chile waren nicht die besten, entschuldige, andere gab es nicht. Fast täglich gab es eine neue beängstigende Diagnose. Wichtige Medikamente mussten von weit her besorgt werden. Du bist eben schon eine etwas besondere Gattung. Ich hatte mit dir sehr gelitten. Alles hast du über dich ergehen lassen und den Ärzten dein volles Vertrauen geschenkt. Ich verfolgte das Ganze mit einigem Misstrauen. Glaub mal nicht, dass die Herren Doktoren all das für dich umsonst und aus Liebe gemacht haben. Nein – ich musste sie natürlich bezahlen. Ich musste viel bezahlen. Weiter haben sie mir noch die Schuld gegeben, ich würde dich doch zu sehr im Dreck spielen lassen. Und außerdem seist du ohnehin ein verwöhntes, europäisches Kätzchen, was hier in Südamerika nichts zu suchen hätte. Diese Worte stimmten mich sehr traurig, lauthals hatte ich dich verteidigt, aber was sollte ich am Ende schon groß tun? Was blieb war das Warten auf deinen Heilungsprozess. Sie hatten doch nicht in etwa recht? Bist du nicht für große Abenteuer und lange Reisen gemacht und stehst aus Trotz einfach für mich still? Willst du mich ärgern? Aber warum denn nur? Was hatte ich dir nur getan?

Nach all der Zeit in den Kliniken ging es dir leider nicht besser. Vielleicht kannst du dich erinnern? Immer wieder bist du einfach nicht aufgewacht, warst antriebslos. Es war nichts mehr anzufangen mit dir. Nur mit fremder Hilfe konnte ich dir etwas Leben, ein sanftes Schnurren, entlocken. Verdammt Katze! Wie oft? 30 Mal vielleicht? Ich hatte im Internet nach Hilfe gesucht, Freunde befragt und dich ratlos gepflegt wo es nur ging. Ich konnte es einfach nicht verstehen. Niemand konnte es. Auch ein weiterer wochenlanger Klinikaufenthalt in Paraquay konnte dir nicht helfen. Du warst offensichtlich chronisch Krank. Als mich dann überraschend deine Eltern kontaktieren, um mir mitzuteilen, dass du wohl Herzkrank bist, verstand ich die Welt nicht mehr. Das war eine dunkle Zeit. Eine Herztransplantation stand an. Was hatte ich gelitten. Und du? Du warst einfach nur still und blicktest mich mit deinen gelangweilten Augen an. Wie kann man nur so weltfremd sein? In jenen Momenten zweifelte ich oft an einfach allem. Tausende Kilometer trennten uns von der Spezialklinik. Die Anreise war ein einziger Kraftakt. Ich kann mich noch gut erinnern als dich die Sanitäter am letzten Tag mit dem Krankenwagen abholen mussten. Die letzten fünf Kilometer waren zu viel für dich.

Der komplizierte Eingriff war schnell vorüber. Richtige Chefärzte hatte man für dich beauftragt. Die besten in ganz Brasilien. Du warst Prio Nr. 1. Aus dem Koma erwacht, konnte ich gar nicht glauben wie gut es dir auf einmal ging. Kaum waren wir wieder ein Stück weit unterwegs konnte ich deine volle Lebenslust spüren. Was war ich, waren wir, glücklich. Katze war wieder da und genau so agil wie am Anfang der Reise. Es konnte endlich weiter gehen. Zwei Wochen lang hatten wir den Süden Brasiliens unsicher gemacht und ein tolles Erlebnis nach dem anderen gesammelt. Tränen der Freude hatte ich in den Augen. Ich war auf Wolke sieben, nur um von dir von dort wieder auf den Erdboden geschubst zu werden. 10 Kilometer vor Campo Grande hatte dich plötzlich scheinbar eine Gehirnlähmung heimgesucht. Keines deiner Worte konnte ich mehr verstehen. Dein zentrales Nervensystem hatte dich absolut im Stich gelassen und deine ganze Motorik war schwer beeinträchtigt. Ich war echten Tränen nahe. Einmal mehr hattest du mich im Stich gelassen und in eine unangenehme Situation gestürzt. Dieses Mal half auch keine Ambulanz mehr weiter, zu weit abseits von jeglicher Hilfe waren wir unterwegs. Wochen hatte ich auf die nötige Rehabilitationsausrüstung für dich gewartet. Jene brachte leider nur bedingt Besserung. Damals war ich kurz davor einen Notfalltransport nach Deutschland für dich zu organisieren. Ich hatte es allerdings nicht übers Herz gebracht dich aus meiner pflegenden Hand zu geben. Ich wollte dich, uns, nicht aufgeben.

Deswegen fuhren wir einfach weiter so gut es eben ging. Du warst so fremd und anders. Du warst schwach und einfach nicht du selbst. 12000 Kilometer und sechs Monate lang ging das so. In dieser Zeit hatte auch dein zweites Herz erste Schwächen gezeigt und für einige Zwangsstopps gesorgt. Katze – das war die absolut schlimmste Zeit mit dir. Zu jener Zeit war meine Zuneigung zu dir schon sehr geschwunden. Ich fragte mich oft, ob die Herren Doktoren ein Jahr zuvor eventuell recht mit ihren Worten hatten? Aber es half ja nichts. Die Reise musste weiter gehen. Erst im Norden Brasiliens hatte ich zufällig Gehirnspezialisten kennengelernt, die dich mit ganz besonderen Heilpraktiken wieder aus deiner Trance zurück holen konnten. Das war vor vier Monaten, an genau dem Ort, von welchem ich dir nun diese Zeilen schreibe. Als du wieder fit warst bereisten wir ganz Venezuela. Welch Risiko mit dir ein solches Land zu bereisen. Aber ich hatte jeden Tag, jeden Kilometer 100%ig genossen. Leichte Blessuren musstest du erleiden und mal abgesehen von deiner kleinen Herzattacke in Caracas war es eine schöne Zeit. Da hatte ich für einen Moment wieder das Schlimmste befürchtet.

Nun zurück in Manaus bedarf es deiner Pflege und die Wochen ziehen ins Land. Fast täglich kümmere ich mich um deine kleine und großen Wehwehchen. Es wird wohl noch viel Wasser den Amazonas hinunter fließen bevor es für uns weiter geht. Ich gebe wieder alles für dich, aber auch meine Energie dafür stößt an ihre Grenzen. Manchmal verstehe ich das ganze Theater von dir einfach nicht. Bist du wirklich so schwach oder spielst du mir nur etwas vor? Ich gebe dir immer das Beste vom Besten. Deinen speziellen Ernährungsplan halte ich streng ein. Nein, ich denke ich gebe dir sogar mehr als es bedarf. Nie habe ich dich misshandelt oder dir großen Schmerz hinzugefügt. Gut wir beide mussten leiden im Norden von Brasilien, als es galt viele tiefe Wasser zu überwinden. Und du magst ja nicht gerne schwimmen. Du magst keinen tiefen Sand, hast trotzdem die Wüste für mich durchquert. All die Hitze und Trockenheit, hatte uns stark zugesetzt. Aber das nennt man dann wohl Abenteuer. Deine Pfoten sind schon lange nicht mehr so wie sie einmal waren, deine Gelenke sind müde und auch dein Kreislauf ist schwächer als in jungen Jahren. Mit fast drei Jahren bist du auch kein junges Kücken mehr.

So meine liebe Katze. Mit all dem gesagt, will ich dich wissen lassen, dass es nun wirklich an der Zeit für dich ist mir etwas zurückzugeben. Es folgen noch ein paar mehr ernste Worte. Eine gute Partnerschaft besteht aus Geben und Nehmen. Ich habe gegeben. Genug von allem. Genug meiner Lebenszeit, meiner Hingabe für dich, meinen Nerven und meinem lieben Geld. Wir haben zusammen gefunden und uns auf dieses Abenteuer, diese weite Welt zu erkunden, begeben. Wir leben ein Leben von dem viele andere Menschen und Katzen träumen. Die große Freiheit steht uns täglich greifbar nahe. Es könnte so einfach sein. Ich will kein Gemecker, keine Wehwehchen, kein Gezicke und vor allem keine Antriebslosigkeit mehr. Freue dich endlich über das was du an mir hast. Gebe mir das, was du mir vor all den Monaten so still versprochen hast. Sei jenes Kätzchen, dass du vorgibst zu sein. Sei eine starke, stolze Löwin die im Lauf, laut brüllend, den Staub des Weges mit all ihrer Kraft aufwirbelt. Sei die Löwin der alle vor Neid hinterher blicken und die pure Begeisterung verbreitet. Dann will ich dich auch weiterhin behüten, beschützen, pflegen und nur das beste Futter besorgen. Nur wenn auch du, meine Katze, aus tiefstem Herzen fröhlich und hingebungsvoll schnurrst, können wir zusammen bleiben. Du bist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, aber nicht DER wichtigste. Wir alle sind ersetzbar!

Ich hab noch so viele Träume, so viele Ideen und Pläne. Sei ein Teil davon.

Ich zähl auf dich.

Dein Martin

 


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Martin Leonhardt

Martin ist Gründer und alleiniger Redakteur von Freiheitenwelt.de. Fotografie und Reisen sind seine große Leidenschaft. Seit knapp zwei Jahren erkundet er Amerika. Er schreibt auch gerne Reportagen für einschlägige Magazine. Willst du mehr über Martin wissen? Schreibe ihm einfach eine Nachricht oder nutze eines der sozialen Netzwerke.

10 Kommentare

  1. Hey Martin,

    seit ich auf der Welt bin teile ich mein Leben mit Katzen. Aus Erfahrung weiß ich, dass sie ihren ganz eigenen Kopf haben. ;-)

    Nichtsdestotrotz wünsche Dir dir, dass es wieder gemeinsam voran geht und ihr als Team an einem Strang zieht.

    Liebe Grüße und alles Gute

    Thomas

  2. Katzen die im sterben liegen sollten eine Spritze vom Doktor für den sanften Übergang ins nächste Leben bekommen. Lieber ein Ende mit schrecken, als ein schrecken ohne Ende. Lieber die schönen Tage in Erinnerung behalten, als neue Schlechte dazu bekommen. Sich das Ende eines Gefährten einzugestehen ist der schwerste, aber der erste Schritt für einen Neuanfang. Ein neues Kätzchen ist teuer, vielleicht kann man aber ein “afrikanisches Zwillings” Kätzchen zum probieren bekommen? Der japanische Züchter würde bestimmt gerne sehe ob seine neuste Züchtung unter den harten Bedingen seinem Begleiter die Treue hält.

    PS: meine Katze (T) ist mit mir im März/April in den Anden unterwegs. Bin gespannt ob sie überhaupt noch läuft wenn sie aus dem Stall kommt.

  3. Danke und dir auch, und das du hoffentlich bald wieder schöne Berichte über Gegenden schreibst, vor allem mit Bildern und Zweirrad. War in letzter zeit etwas Mau, was ich Katze in die Schuhe schiebe

  4. Hallo Martin,
    ich lebe auch schon seit ich denken kann mit Katzen zusammen! Alles Gute euch! Liebe Grüße vom Fahrradsattel-Experten Elias

  5. Ich starte mit meiner(der zahmeren version) in 11 Monaten um einmal komplett den pale blue dot zu umrunden … bis dahin muß ich sie noch auf vordermann bringen … :-)

  6. Hallo Martin,
    Dein Katzentagebuch spiegelte von Anfang an eine sehr komplizierte Beziehung wieder, eine Kiste, in der ich früh beschloss nicht stecken zu wollen. Das Engagement der Züchter hat mir ebenfalls rasch aufgestoßen und so beschloß ich, dass ich mein Leben wohl nie mit Östereichischen Katzen beschweren wollen werde.
    Ich habe aber auch erlebt, dass Du in die Beziehung mit viel Begeisterung gegangen bist, und dich vermutlich an viele gute Und hoffnungsvolle Momente mit Katze erinnerst und die Hoffnung dass das Vertrauen wieder gefunden werden könnte nicht aufgegeben hast. Für den Mut dies nicht endlos zu tun – mein Respekt!

    Ein Leserbrief schaffte es in ein deutsches Motorradreisemagazin, der eine Unterstützungsaktion für ein neues Bike für Dich anstoßen wollte. Offenbar begleiten Dich die Gedanken vieler, deren Traum du verwirklichst, der für sie wie auch mich ein wichtiger Teil des “unlived life” ist und bleibt.
    Ich bin sehr auf die Fortsetzung gespannt, für die ich Dir alle nur denkbare Unterstützung wünsche.

    Gruß
    Thomas

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