36 Jahre

Martin Leonhardt - Juni 2015 - Brasilien

Martin Leonhardt – Juni 2015 – Brasilien

Cetchup wird mit C geschrieben? Ich sitze in einer kleinen Lanchonete hier in Barreirinhas. Heute ist mein Geburtstag. 36 Jahre! Tja die Lebensuhr tickt auch bei mir auf Weltreise dahin, auch wenn ich mich gefühlt gar nicht mehr in einem geregelten „Zeitsystem“ befinde. Es gibt keine Termine, keine Verpflichtungen und ich lebe jeden Tag wie er eben so kommt. Ich weiß nicht wo ich heute Abend schlafen werde, wo ich nächste Woche sein werde, ob ich nächsten Monat Brasilien verlassen werde und noch weniger weiß ich wie es in 2016 aussieht. Eine ungewisse Zukunft liegt vor mir. Manchmal fühlt es sich so an als wäre ich in einer Zeitblase eingeschlossen. Ständig ist die Welt um mich in Bewegung. Jeden Tag treffe ich viele neue Gesichter. Hallo und Goodbye! Das Älterwerden nehme ich nur noch an mir persönlich wahr. Alle anderen Bekanntschaften sind zu kurzweilig, um Veränderungen zu erfassen. Bilder aus der Heimat, von der Familie, wecken mich dann immer wieder auf. Ich sehe kleine Kinder heranwachsen, die schon lange nicht mehr so sind, wie beim Abschied im Oktober 2013. Dieses veränderte Zeitempfinden ist wirklich eine ganz außergewöhnliche Erfahrung, welche wohl nur andere Reisende nachvollziehen können.

 

Ein sonderbares Gefühl hier so alleine am Tisch zu sitzen. Vor mir steht eine Flasche Skol (Bier) und daneben eine kleine Pizza. Mopeds und Autos rasen keine fünf Meter entfernt der Straße entlang. Ich beobachte das emsige Treiben. Und da ist nun dieses kleine blaurote (K)etchup Päckchen in meinen Händen. Ich drehe es im Kreise. Was will ich nur damit? Ketchup oder eben Cetchup nutze ich doch gar nicht. Selbst nach zehn Monaten in Brasilien gibt es doch immer wieder Neues zu entdecken. Unwichtige Kleinigkeiten eben. Ich lege das Päckchen weg. Diese kleinen Dinge bringen mich doch immer wieder zum Nachdenken. Gerade heute an diesem ach so wichtigen Tag für mich. Feiertage sind mir allgemein nie sonderlich wichtig gewesen. Auf ein groses TamTam kann ich gerne verzichten. Die letzten Wochen habe ich unglaublich viele Dinge erleben können. Ein großes Motorrad Abenteuer. Ich hatte mich durch tiefen Sand gekämpft, tiefe Flüsse durchfahren, geschwitzt wie in der Sauna, mir einen Sonnenbrand geholt und war körperlich mit meinen Kräften absolut am Ende. Ich habe noch mehr liebenswerte und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Aber auch abgesehen vom jüngsten Abenteuer hinterlassen 20 Monate auf Reise ihre Spuren. Nie zuvor in meinem Leben hab ich so intensiv, ja einfach gelebt, wie in dieser Zeit. Das kann ich so ganz klar sagen. Mehr und mehr fühle ich mich einfach 100% wohl bei dem was ich täglich tue.

 

Die Gefühle gehen nach wie vor Achterbahn. Emotionale Höhen und Tiefen begleiten mich ständig. Erst vor kurzem gab es wieder einen tränenreichen Abschied. Eine Fischerfamilie hatte mich in ihre Obhut genommen, als ich mit einigen Problemen zu kämpfen hatte. Einfache Menschen. Irgendwo im Nirgendwo. Die kleine Tochter (10) der Familie hatte sich herzergreifend in mich „verliebt“. Auch ihr Bruder hatte mich schnell als seinen besten Freund ausgesucht. Wir hatten eine schöne Zeit. Ich werde die beiden wohl nicht wieder sehen in meinem Leben. Das ist die Realität. Diese Geschichte ist nur ein Beispiel. Ich vermeide es nach wie vor über private Angelegenheiten, ja die gibt es auch auf Weltreise, zu schreiben.

 

Jeder wünscht sich ein glückliches Leben – so auch ich. Nicht immer sind alle Tage rosig. Hier auf Reise, alleine, konnte  ich wirklich schon alles erleben. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. Wenn nicht im Herzen und mit bewegenden Gefühlen, wie sonst soll man das Leben mehr spüren können? Es sind die essentiellen Gefühle! Ich wünsche mir eigentlich nur dieses eine momentane Leben weiter leben zu können. Im HIER und JETZT! Das ist mein Geburtstagswunsch an all jene dort draußen, die ihn hören wollen. Sollte ich nicht über Nacht krank werden, meine Bank geplündert werden und mir nahe stehende Menschen  in ein Unglück stürzen – werde ich auch sicherlich so lange weiter reisen, entdecken und intensiv jeden Tag genießen wie ich kann.

 

Ich bedenke mich schon einmal für all die Glückwünsche die mich via Facebook, Twitter und Co. erreicht haben. Freut mich immer wieder von euch zu hören.

 

Um den Tag nun noch einen feierlichen Charakter zu geben werde ich mich nun in die Motorradklamotten schmeißen und mal weiter in Richtung Amazonas düsen. Was soll ich auch sonst schon groß tun….?

 

Martin

P.S. Das mit dem Cetchup war eigentlich gestern. Also nicht wundern – kein Alkohol am Steuer hier. ;-)

 

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Martin

Martin ist Gründer und alleiniger Redakteur von Freiheitenwelt.de. Fotografie und Reisen sind seine große Leidenschaft. Seit knapp zwei Jahren erkundet er Amerika. Er schreibt auch gerne Reportagen für einschlägige Magazine. Willst du mehr über Martin wissen? Schreibe ihm einfach eine Nachricht oder nutze eines der sozialen Netzwerke.

Ein Kommentar

  1. Lieber Martin
    Der erste Gedanke auf meiner Website heisst „Leben lernen heisst loslassen lernen“ Sogyal Rinpoche.
    Auf dieser Basis funktioniert Reisen – und plötzlich gibt es trotzdem wieder ein Wiedersehen.
    Nachträglich alles Gute zum Geburtstag, vor allem Gesundheit und immer Sonne im Herzen
    Hans-Ueli

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